Vor einem Jahr hätte ich jetzt am Strand gelegen, den eisige Wind in den Haaren, hinter mir das Meer, vor mir das Mini-Stativ. Klick. Klick! Sand zwischen den Buchseiten, Steine und Muscheln, die die aufgeschlagenen Textpassagen markieren. Diesmal ist die Kulisse eine andere für das Buch, das mich die letzten zwei Wochen begleitet hat, über dem ich manchmal vor Erschöpfung eingeschlafen bin, dann weiter gelesen habe bis tief in die Nacht: Siri Hustvedt. Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung. Soeben erschienen im Rowohlt Verlag Hamburg.

“Ich lebe. Mein Mann, Paul Auster, ist tot. Er starb am 30. Apri 2024 um 18:58 hier im Haus in Brooklyn, wo ich jetzt diese Worte schreibe.” So beginnt ihre Art Tagebuch, “voller Löcher”, wie sie notiert, in dem sie auf so besondere Weise, scheinbar intuitiv, die Erzählstränge verwebt zwischen den ersten Begegnungen, dem Verliebtsein, all den gemeinsamen Jahren, der Familie, seiner Krankheit und den Reflexionen einer intellektuellen Frau und Schriftstellerin, die Trauerarbeit leistet.

Wie immer lese ich mit dem Bleistift in der Hand, auf dem Balkon, auf dem orangenen Puzzle-Sessel, im Bett. Es gibt viele Markierung, so eindringlich sind ihre Sätze und Verweise. Sie spricht von “wilden Fakten“, einem Begriff, den sie von William James übernommen hat, einem der ersten amerikanischen Psychologen und Philosophen, über den meine Tochter Roma ihre Masterarbeit schrieb. “Wilde Fakten sind Wahrheiten, die in kein uns bekanntes System, in keine Logik passen.” Wann wird jemand sterben, wie lange darf man hoffen, dass alles Gut wird wider aller Prognosen?

“Es gibt einen Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung.” Genau diese feine Linie hat mich in den Wochen im März beschäftigt, während ich meinen Mann täglich im Krankenhaus besuchte, mich durch die verwirrenden Gänge wie ferngesteuert zurechtfand. Station S2, S1 blaue Linie, dann neue Buchstaben, rote Linie, die langen Korridore entlang. Nicht Lügen vor den Töchtern, keinen Zweck-Optimismus verströmen. Stattdessen mit jedem Besuch fühlen, wie nah oder wie fern der Tod sein mag. Es ist Siri Hustvedts “striktes Realitätsprinzip verbunden mit Hoffnung”, das mich genauso geleitet hat. Gefährtin und Stütze sein für den geliebten Mann und für die Töchter. Nicht weinen, sondern der Gegenwart die Zuversicht abringen.

Oben in unseren neuen Räumen sortiert Toska die Schuhkartons mit all den Fotos von früher mit den Wohnungen und Häusern, die wir bewohnten und besetzten, als die Kinder noch klein waren, die Anfänge von Roma e Toska, die Reisen. “Tata”, wie sie alle sagen, ist so jung auf den Bildern, man kann den großen Altersunterschied zwischen uns kaum sehen. Wir erzählen uns das Gewesene, und es reicht in die Zukunft hinein. Ähnlich wie es Hustvedt schreibt: “Aber wahre Geschichten können nicht vorwärts erzählt, nur vorwärts imaginiert werden.” Definiert sich so die Verbundenheit über den Tod hinaus?

Während ich lese, habe ich das Gefühl an ihrer Seite zu sein, ihr über die Schulter zu schauen, während sie am Schreibtisch sitzt, durch die Wohnung geht, die das “Wir” atmet. 45 Jahre waren sie verheiratet. In diesem Frühjahr / Sommer sind es bei uns 36 Jahre. Nun muss ich für mich selbst kochen, was ich nie konnte. Dank an all jene, die mir die Zutaten dafür mitbringen.

Mehr als die Hälfte meines Lebens hatte ich dafür meinen Mann. Ich sollte auch ein Buch über uns schreiben. Unser Gleichklang war nicht so selbstverständlich wie der von Siri Hustvedt und Paul Auster. Bei uns war es verrückter, absurder, getragen von Krzysztofs Ruhe und meinem Humor. Unsere Beziehung lebte von der Unterschiedlichkeit. Heute habe ich seine Jeans-Jacke angezogen, wie komisch, sie passt.

“Was, wenn ich dir nicht begegnet wäre?, höre ich Pauls Stimme.”

Es ist ein nachdenkliches Buch, ein kluges Buch, eine tiefgehende Dokumentation von Liebe, Partnerschaft und Familie, von düsteren Momenten und innigen Momenten. Wer gehört dazu? “Blue Team”. Ihre Tochter Sophie Auster hat daraus einen Song gemacht.