18:30 Uhr, ich setze mich auf das rote Sofa in der Poolstrasse, neben mir Skizzenbuch, Encyclopedia, Stoffproben, rundherum die Gäste, die sich in der Eiseskälte rausgewagt haben, und was passiert: Ich bin aufregt, fühle wie die Hitze in mein Gesicht steigt. Mir fehlt der Talk-Gast an der Seite, ein Gerüst von Fragen, das nun spontan die Eingeladenen übernehmen. Wo beginnen, es gilt, die diffusen Anfänge zu sortieren, munter geht es hin-und-her. Was ist Zeitgeist, was ist Trend? Was liegt in der “Luft”?

Karen Michels, Kunsthistorikerin und kritisch-wohlwollende Freunde ist auch gekommen. Also beginne ich mit unserem gemeinsamen Spaziergang auf Sylt vor vielen Monaten. Sie wäre besorgt, meinte sie damals, ich müsse endlich aus der Childhood Kollektion herauskommen (auch ein Thema: wie enden Kollektionen?), um wieder zu einer erfrischenden Begehrlichkeit zu finden. Wie wäre es mit Kräutern, Gräsern, dem Hasen von Dürer, schlägt sie vor.

Am nächsten Tag hoppelt in der Früh ein Hase durch den Garten im Kapitänshaus. Doch Dürer? Dann könne ich ja gleich das Rezept für den Hasenbraten zu Ostern mitliefern, witzelt eine andere Freundin. Wir lachen uns kaputt, damit war auf jeden Fall dieser “Hase” begraben.

Bei meiner Suche stolperte ich über einen alten Entwurf zu der Eisbären-Kollektion, 2017. Vielleicht sollte ich dort ansetzen, es Astrid, der verstorbenen Weggefährtin, widmen und ihrer Begeisterung für die Nordlandreisen. Aber woher kam das Motiv nur? Ich stöbere online und lande ich bei der Encyclopedia, wie schon in früheren Blogbeiträgen beschrieben.

Schnell sind die 18 Bände Meyer’s Konversationslexikon von 1895 antiquarisch erstanden, Stoffmesse in Paris, Trendfarben und Recherchen in alle Richtungen. Anna Wintour (Vogue) und Imrad Amed (Business of Fashion) haben es immer wieder erwähnt: Breit aufgestellt sein, den Trichter öffnen, unbeirrbar seinen Ideen folgen. Instinktartig, assoziativ, kompromisslos.

Warum die Äpfel und die Pilze, warum transparente Materialien? Es erschließt sich erst in der Rückschau mit einem Schmunzeln, da auch Chanel das “Jahr der Pilze” ausgerufen hat mit seiner Schau vor einer Woche. Nur die Akzente sind unterschiedlich gesetzt, dort führt es in eine Märchenwelt, bei mir zu dem Wesen der Dinge. Bei aller Farbenpracht ist es für mich zugleich ein Statement zu unserer Gesellschaft. Es geht um die Befragung von Zuständen, um Wissen, um Achtsamkeit.

Wir reden ausführlich über die “Subskription”. Was es genau bedeutet, will der Banker unter uns wissen. Ist es ein Darlehen? Nein es ist eine Vorabzahlung auf den Einkauf, erfunden von dem Verleger der ersten Encyclopédie im 18. Jahrhundert. Darüber hat sich eine Gruppe formiert, die mich inspiriert und die in die Entstehungsprozesse mit eingebunden ist. Mode wird persönlich. Mode erhält eine Relevanz und Sinnhaftigkeit.

Ich habe mich warmgeredet, ja, genau darum geht es in diesen Zeiten. Keiner braucht etwas Neues, jeder hat den Kleiderschrank voll, aber wir sehnen uns nach etwas, das uns den Alltag verschönt, das uns aufmuntert, ablenkt, das uns Geschichten erzählt, die wir weiterspinnen dürfen.

Schön, dass Anne auch zwischen uns sitzt, denn gemeinsam entwickeln wir eine kreative Zusammenarbeit. Über den Tag beobachte ich die Nähvorgänge von meinem Schreibtisch aus, und mit Melle und Bettina der Schnittdirectrice erproben wir neue Varianten. Jede Bluse ist unterscheidet sich, wo soll der Fliegenpilz sein, was ist auf dem Kragen zu sehen? Wie lassen sich die unterschiedlichen Stoffe miteinander kombinieren?

Diese Sorgfalt im Detail steckt in jedem Modell, und das ist zu spüren. Hier beginnt Nachhaltigkeit. Die Handarbeit, die Métiers d’Arts, sie gehören zur Encyclopédia und zum aktuellen Trend.

Wie las ich es letztens irgendwo: Wir sind nicht der “Gegen”-Entwurf, sondern wir sind der Entwurf. Die Hinwendung zu alten Werten ist nicht ein Protest auf die derzeitige politische Situation, sondern ist etwas, das dem Menschen innewohnt. Auch dieser Optimismus steckt in meiner Kollektion!