Getting to Yes” heißt eine Publikation des Harvard Negotionation Projects von 2011. Irgendwann in unserem Gespräch fiel dieser Titel, den ich nun als Überschrift wähle. Wie verhandele ich mit Streitparteien, dass es zu einer Einigung kommt, hart in der Sache, freundlich und respektvoll im Ton, und möglichst mit einer Perspektive, die positiv in die Zukunft weist? Mein Talkgast an dem vergangenen It’s a Dienstag ist Dr. Sabine Renken, Anwältin und Mediatorin, die sich schon seit langem mit diesem Thema beschäftigt, um es mit Beginn diesen Jahres zu ihrem Hauptberuf zu erklären.

Wir kennen uns schon sehr lange, ich glaube, ich war Ende zwanzig als wir uns das erste Mal begegneten. Sie war damals schon eine erfolgreiche Anwältin, die aggressiv und scharf verhandeln konnte, brillant in ihrer Schnelligkeit, Analyse, die Fakten im Blick. Gleichzeitig erinnere ich, wie sie mit dieser Art der Streitkultur haderte, den langwierigen Gerichtsverhandlungen, mental belastend für alle Beteiligten, die meist im Vergleich enden, teuer und frustierend. Es muss andere Wege geben, zu einer Einigung zu gelangen. Neben ihrer Arbeit absolvierte sie ein zusätzliches Studium der Mediation an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

In den Gesprächen mit den gegnerischen Parteien muss man systemisch denken können, erzählt sie, und “kreative” Strategien entwickeln, wie eine Annäherung möglich ist. Dabei geht es vor allem darum, alle Parteien neutral zu behandeln, nicht zu bewerten, sondern erst einmal herauszufinden, worum es überhaupt geht, was sind die berühmten “causes of the causes”, was sind die eigentlichen Beweggründe für den Streit.

Mir gefällt ihr Beispiel mit dem Mikado-Spiel. Wer kennt sie nicht, die bunten Stäbchen, die auseinanderfallen und man einen nach dem anderen abräumt, ohne das die anderen wackeln dürfen. Zuerst nimmt man die, die leicht sind, die am Rand liegen, keine anderen berühren. “Fangen Sie doch mal mit den Punkten an, wo schon Einigkeit besteht.” Und siehe da, das erste Lächeln, der erste wohlwollende Austausch, danach geht es wesentlich einfacher, Schritt für Schritt. Die Pausen zwischen den Gesprächen sind wichtig, damit Kopf (und Herz) mitkommen, um versöhnlich nach Lösungen zu suchen.

Gestern hörte ich Christine Lagarde in einem Interview sagen, dass sie ohne “Liebe” in ihrem Beruf nicht dorthin gekommen wäre, wo sie ist. Mag ungewöhnlich klingen für eine Chefin der Europäischen Zentralbank, aber darum geht es: Empathie, Verständnis für die Beteiligten am Tisch, und die ernsthafte Suche nach gemeinsamen Lösungen. Es scheint der Weg zu sein, den unsere Gesellschaft braucht.

Sabine Renkens Spezialgebiete sind Wirtschaft und Baurecht. Aber im Grunde genommen kann eine gute Mediatorin alle Bereiche bedienen, muss keine juristischen Spitzfindigkeiten wissen, die könnten sogar Verhandlungen erschweren, denn im Grunde geht es darum, offen zuzuhören, manchmal auch die Kartons mit Schriftsätzen unberührt auf den Kaminsims zu stellen. Fangen wir neu an, ein weißes Blatt Papier, warum geht es in dem Streit wirklich.

Munter gibt es Fragen und Kommentare aus der Runde. Schnell wird klar, besonders heikel sind Erbschaftsstreitigkeiten und Scheidungen, denn dort entlädt sich die ganze Packung von Emotionen, Verletzungen und Komplexen. Aber auch hier gibt es Beispiele, wie es harmonisch enden kann.

Ich muss dabei immer an die Erben von Picasso denken, die sich so großzügig miteinander verständigten. Streiten, um zu einvernehmlichen Abschlüssen zu kommen und nicht, um den Gegner zum Feind zu erklären.

Auf ihre Frage, ob so eine Verhandlungsstrategie “kreativ” sei, antworte ich inbrünstig mit “ja”. Jedes Denken “out of the box” ist kreativ. Und genau diese Eigenschaft braucht es in verfahrenen Situationen und zwischen Konfliktparteien. Bina, ich danke Dir für diesen anregenden Abend. www.sabine-renken-mediation.de