Einen Moment zögere ich, wie das Gespräch mit meiner Tochter Toska (27) beginnen? Um uns herum die Freunde, einige davon hatten sich an dem Crowdfunding beteiligt, das ihre erste Ausstellung im KitKatClub in Berlin ermöglichte. Gerade schien es mir doch noch so leicht, so vertraut, warum sich groß vorbereiten? Nun nun?
Installtation aus der Salon Rouge Ausstellung, KitKatClub Berlin
Wir beide schauen uns an. Aus dem kleinen Mädchen von damals ist eine selbstbewusste junge Künstlerin geworden. Beinahe überraschend nehme ich davon Notiz, als wüsste ich es nicht schon lange. Wie also beginnen? Sie zuckt die Schultern nach dem Motto: Mach, Du wolltest es doch so.
„Wie fühlt es sich an, sich für diesen Weg zu entscheiden?“ Eigentlich eine doofe Frage von mir, aber sie hat mich trotzdem beschäftigt. In dieser Zeit wartet niemand auf die nächste Malerin oder Bildhauerin.
Ihr lachender Mund, ihr konzentrierter Blick, dann wendet sie sich in die Runde. Es wäre ja nicht eine Entscheidung von gestern gewesen, sie hat sich schon lange mit dem Wunsch herumgetragen, hat mich sogar gefragt und ich hätte abgewunken. Stimmt, ich war zögerlich. Gewiss, sie besaß als Kind diese außergewöhnliche Kreativität, die anders war und sehr eigenständig. Aber bleibt so etwas? Das Motto von Picasso auf dem Hangtag der Childhood Kollektion hatte auch etwas mit meinen Gedanken an Toska zu tun:
Alle Kinder sind Künslter. Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, wenn man erwachsen ist.“
Sie studierte Kunstgeschichte und Philosophie an der Humboldt Universität in Berlin, dann Ästhetik Philosophie an der Sorbonne in Paris, lernte intensiv russisch für ihr Stipendium an der Akademie in St. Petersburg, das mit dem Angriffskrieg abgesagt wurde.
Toska Tyszkiewicz, Blumen-Objekt € 300, Zeichnungen von € 150 – 250
Ihre Masterarbeit wurde ihr Programm: Die Verwundbarkeit und Schönheit der Objekte, die nature morte. Die versponnenen Früh-Romantik des 19. Jahrhunderts fand Eingang in ihr Denken. Sie schrieb Hausarbeiten über Novalis und später über die beginnende Industrialisierung, Walter Benjamin.
Toska Tyszkiewicz, Blumen-Objekt (€ 300)
Aber wie schafft man den Wechsel von der theoretischen Auseinandersetzung mit Kunst zum eigenen Kunstschaffen? Steht der Intellekt einem nicht ständig im Wege und blockiert? Ein Thema, das mich seit meinem Studium der Kunstgeschichte beschäftigt.
Die Erzählung, die nun folgt, ich nenne sie das „Geisterhaus“, die Wintermonate 2023/24 in Warschau bei ihrer Großtante, der mittlerweile 99-jährigen polnischen Künstlerin Hanna Rechowicz.
Toska zog in das düstere Haus ein, das seine eigenen Geschichten besitzt. Jüdische Kinder wurden dort versteckt und wie durch ein Wunder entkamen sie der Razzia der Nazis. Im Garten steht noch der Baum, unter dem ihre Namen in einem Weckglas vergraben liegen.
Toska Tyszkiewicz, Installtation mit Spinnennetzen aus dem KitKatClub, Berlin
Die Kunst windet sich durch die Räume, das Licht von draußen ist ausgeklammert. Im Salon steht ein Kutschenschlitten, im Garten hängen Kronleuchter im sich verschlingenden Geäst.
Hanja, wie wir sie meist nennen, vertrieb energisch und resolut den geistigen Ballast aus Toskas Kopf. Kunst beginnt woanders. Und dann ließ sie sie allein, über Tage, gefühlt über Wochen. Selbst an Sylvester gab es keine Begegnung. Sie sollte malen, malen, malen. Ein Blatt nach dem anderen. Nichts gefiel ihr, mit ihrer knochigen Hand wischte sie alles vom Tisch. Weiter machen.
Heimlich betrat Toska eines Nachts das sonst verschlossene Atelier der Großtante, dicht gedrängt stehen und hängen dort die Objekte. Sie begann zu zeichnen, rauschhaft. Das elektrische Licht flackerte, Kerzenschein. Es floß aus ihr heraus. Dann verließ sie auf Zehenspitzen wieder den Raum. Plötzlich kein Strom mehr, kein Akku im Handy. Geisterstunde. Wer bin ich? Kunst wird endlich elementar, führt in die Parallelwelten, zu eine Suche nach sich selbst.
Uns Zuhörenden schauert, so eindringlich erzählt meine Tochter. Gemeinsam mit ihr sind wir in dem Haus, spüren die Angst, die Dunkelheit, die Last von Vergangenheit. Bis 6:00 Uhr liegt Toska wach im Bett und weint und weint und weint. Ich kenne diese Tränen, wenn sich die Seele auswäscht für einen Neubeginn.
Als sie der Großtante am Tag die Arbeiten zeigte, blieb diese stumm und ging anschließend lächelnd die zwei Treppen zu ihrem Zimmer hinauf. Von da ab an trafen sie sich regelmäßig für eine paar Stunden. Hanja sortierte die bis dahin entstandenen Zeichnungen. Es gab kein alt und neu, alles schien sich zu einem Mosaik von Werden zu gruppieren. Becoming Toska.
Toska Tyszkiewicz, Blumen-Objekt mit Zwiebelschalen (€300)
Ich beobachte meine Tochter, wie sie sich mit den Gästen unterhält. Wie eindringlich sie ihren Begriff von Kunst erklären kann. Ich glaube, wir sind an diesem Abend Zeugen von etwas sehr Besonderem geworden, das noch am Anfang steht.
Die nun in der Poolstrasse gezeigten Arbeiten greifen die Elemente aus dem „Geisterhaus“ wieder auf: Drahtgeflecht, Äste, Teile der Chandeliers und einer wuchernden Vergänglichkeit.
-
FIFTIES BLÜTEN TÜTÜ, MULTI
€698,00 inkl. Mwst. -
SMOKING BLUSE FRANSEN COUTURE, ROSÉ
€498,00 inkl. Mwst.
I’m feeling like a proud mama just reading your post! I will have to see Toska’s work in person some day.
I think I know how you’re feeling – when Mollie has a first reading of a play she’s written, it’s a transcendent moment for me! She has a new play that will be premiered on May 4, here in New York.