Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich nur Briefe schreibe, Bilder aufhänge, verträumt beim Schneidern zuschaue und ansonsten heimlich 50%-Rabatt-Schoko-Weihnachtsmänner nasche. Es gibt ein paar andere wichtige Themen, und heute ist genau der richtige Tag dafür, um, wie es der Autor des Buches schreibt, den Glauben “an ein besseres Morgen” zu vermitteln. Ich lernte Oliver Moody vor zwei Wochen in dem Salon Textor von Nils Haupt kennen. Der Pressechef von Hapag Lloyd lädt seit 2007 zunächst in Frankfurt, dann in Hamburg, hochkarätige Referent*innen in seine Wohnung ein. Benannt hat er sein engagiertes Vorhaben nach Catharina Elisabeth Textor (1731 – 1808), der Mutter Goethes, die eine geistreiche Gastgeberin war. Die Atmosphäre ist mir vertraut, ein wenig wie bei unseren It’s a Dienstagen.

Links der Journalist Oliver Moody, rechts Nils Haupt, Senior Director Communications Hapag Lloyd AG

Wohnzimmer und Küche bilden einen großen Raum, der mit Gästen gefüllt ist, Klappstühle stehen in Reihe eng beieinander. Vor uns sitzt Oliver Moody, gerade mal 36 Jahre alt, Brite mit einem hervorragenden Deutsch. Er studierte Klassische Philologie und Arabistik in Oxfort, seit 2018 arbeitet er als Berlin-Korrespondent der Times und Sunday Times, sein Spezialgebiet: der Ostsee-Raum mit Skandinavien, dem Baltikum, Russland, Polen und Deutschland. Sein Buch “Baltic” erschien 2025 und zeitgleich in der deutschen Übersetzung bei Klett-Cotta: “Konfliktzone Ostsee”.

Noch nie habe ich jemanden so klar und präzise über unsere weltpolitische Situation sprechen hören. Während gerade die Sicherheitskonferenz in München tagt, ist es vielleicht die beste Lektüre, um sich zu rüsten und einen sachlich-ruhigen Optimismus zu entwickeln. Trotz der Komplexität ist es ein Pageturner, historisch sorgfältig aufbereitet, mit zahlreichen Zitaten führender Politiker sowie fundierten Prognosen.

Im Ostseeraum könnte das Schicksal Europas entschieden werden. Moody spricht von diesen Ländern als “geopolitischer Avantgarde des Westens”, beschreibt ihre strategisch-pragmatischen Ausrichtungen und ihre kollektive Willenskraft, der Zukunft eine Vision zu geben. Er nennt es “Neoidealismus”, die Kunst, Koalitionen zu bilden, die verpflichtend sind und zugleich flexibel bleiben.

Im Detail ist vieles verstörend, werden bedrohliche Szenarien entworfen, basierend auf militärischem Insiderwissen, die uns schonungslos wachrütteln. Wie geht man mit Putin um? Warum ist die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine so wichtig? Sollten wir uns wieder in der Sprache des Kalten Krieges üben? In München versuchen die westlichen Staatsoberhäupter den neuen Tonfall, desillusioniert, was den einst verlässlichen NATO Partner USA anbelangt. Aber was sind die Konzepte dahinter. Ich muss an Finnlands Motto denken: “Selbst der stärkste Bär wird kein Stachelschwein fressen.”

“In den dunklen Jahren, die vor uns liegen, werden wir eine Zukunft brauchen, nach der es sich zu streben lohnt.” Es ist der vorletzte Satz in Oliver Moodys Buch. Darin liegt die Hoffnung, und darauf sollte unser Hauptaugenmerk gerichtet sein: Wie statten wir die kommenden Jahre aus, denken veranwortungsvoll an das Wohlergehen unserer Kinder und Kindeskinder? Wie unsere Identität verteidigen?

Ich fühle mich von dem Autor im Alter meiner Tochter-Generation an die Hand genommen. Die Jungen werden uns erklären müssen, was wir Älteren bislang nicht verstanden haben:

Oliver Moody. Konflikt-Zone Ostsee. Die Zukunft Europas. Klett-Cotta, Stuttgart 2025

PS: Trotzdem oder gerade deswegen gibt es mit jeder Bestellung einen Brief von mir zum Valentinestag. Auch das gehört zu den Werten, die zu verteidigen sind: Zeit füreinander, Empathie und ein Gefühl von “Wir”.