In den neuen Räumen am Johannes-Brahms-Platz 9 im 4. Stock (Fahrstuhl kaputt) wird gewerkelt, gerückt, geschoben und gehängt. Mittwoch findet der erste “Wednesday upstairs” statt, eine Generalprobe für den kleinen Kreis der Freunde, Eingeweihten und Followers. Bernhard Prinz hat die große Fotoarbeit von 1987 aufgehängt, ich habe eine polnische Künstlerin und Weggefährtin meines Mannes für mich entdeckt: Bozena Wahl. Sie starb im letzten August in Warschau. Wir spüren gerade ihren Nachlass auf.

Am Wochenende war Nele Budelmann mit den Vorbereitungen für ihre Werkschau “maria kleingeschrieben ist ein Tu-Wort” in den Räumen beschäftigt. Ich hatte sie zuvor in ihrem zweiten Atelier auf St. Pauli besucht. Pappiger Schnee im Vorgarten, ein Türsummer, der nicht funktioniert, und oben dann, mittlerweile vertraut, die Wohnung als Gesamtkunstwerk im Licht von Kerzen. Alles atmet das Geheimnisvolle, den Geist von echtem Künstlerdasein .

Der mächtige Schrank ist zur Seite geschoben und gibt den Eingang zu dem Zimmer frei. Sie zeigt mir das Foto von ihrem Ururgroßvater (1816 – 1898), auch ein Künstler. Dann erzählt sie, wie der riesige Schreibsekretär von den Großeltern zu ihr kam. Bonnie legt sich entspannt auf den Holzboden, und wir wählen die Arbeiten aus.

Nele Budelmann, maria kleingeschrieben ist ein tu-wort. 2013. Doppel-Blatt (€ 2.600)

Skizzen von Maria und den Propheten, kombiniert mit Tagebuchnotizen, mal akribisch mit dem Füller geschrieben, mal auf der großen Schreibmaschine. Mir springen sofort die Grundrisse ins Auge. Sie sind eine zeichnerische Ortsbestimmung ihrer Ateliers, eine räumliche Bestandsaufnahme und Dokumentation: Wo bin ich? Überwältigend ist die Fülle an Informatinen auf jedem Doppelblatt, die sich einfach  entschlüsseln lassen.

Ich bin begeistert und finde, die Collagen passen perfekt als Auftakt in die neue Wohn-Galerie. Das Wo-bin-ich gilt auch für mich. Die Abfolge, der Flur, links davon das zukünftige “Kontor für junge Kunst”, dann mein Arbeitszimmer, das Esszimmer, die Rotunde für die Talkrunden, das Schlafzimmer. Noch sind sie nicht “besetzt”, verändern sich täglich. Wir werden sie gemeinsam prägen.

 

Gerhard Richter sagte einst: “Mich interessiert, was ich nicht kapiere.” Magisch ziehen mich Neles Bilder an, ohne dass ich sie “kapiere”. Genau dort beginnt große Kunst. Wir sitzen beisammen, es ist dunkel geworden, trinken ein Glas Wein, essen Reste von Brot und Käse. Schweigen, dazwischen ein paar sparsame Sätze. Dann beginnen wir mit der Hängung.

Der Titel des Werkzyklus ist irritierend: “maria, kleingeschrieben ist ein Tuwort”. Was kann der Satz bedeuten, wenn Ikone und Name zum Verb werden? Schöne Denkaufgabe. Damit entlasse ich Euch in den Montag.

Ich freue mich auf Euch am 11. Februar ab 18:00 Uhr (Talk ab 19:00 Uhr) die vier Treppen hoch. Mit Karen Michels werden wir über die Kriterien von Kunst sprechen, die Herausforderung, etwas nicht zu verstehen. Mit Kunst leben. Sammler*in sein!