Zweieinhalb Jahre leben wir nun schon „side-by-side“, sie in der No.13, wir in der No.11 in der Milchstrasse, wo auch ihre große Karriere begann. Gestern wurde Jil Sander, die „Queen of Less“, 75 Jahre alt, und ich als „Queen of More“ gratuliere. Wir pflegen ein freundliches Miteinander, wie es sich unter Nachbarn gehört. Wie wichtig sie für mich als junge Frau war mit meinen ersten modischen Schritten, habe ich schon erzählt. Das Sommerkleid noch im Studium, und gleich nach der Promotion als Herausgeberin einer Kunstführer-Städte-Serie bekam ich einen echten Shopping-Rausch und kleidete mich nur noch mit ihrem Label ein: Strickpullover, Blusen, Kostüm, Lederhose, Mäntel … Das Vokabular ihrer Looks habe ich verinnerlicht, und bestimmt ließe sich so manch ein Roma e Toska Teil in seiner DNA auf Jil Sander zurückführen.
Abb: Jil Sander in der Milchstrasse. 1968 startet sie ihr Mode-Unternehmen, auch so ein Jubiläum!
Gallery Vera Munro Hamburg, Ausstellung Imi Knoebel
Sie besitzt meine Bewunderung, ich ihre Zurückhaltung, dabei haben wir Beide ähnliche Vorbilder in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Früher haben wir sogar in der selben Galerie gekauft, sie die großen Arbeiten, ich mit meinem ersten Gehalt die kleinen. Aber wenn ich durch ihre beleuchtenden Fenstern rüberschaue, dann ist da gar nicht so viel „less“, sondern eher mein geliebtes „more“ mit Brokat, Tapete Goldrahmen und schweren Gardinen. Wir sind eben ein Mix von Less-and-More. Mies van der Rohe, der große Architekt des „less“, saß auch am liebsten in seiner „Stube“ im alten Schaukelstuhl.
Vor kurzem erhielt ich von ihr ein kleines Dankschreiben, weil wir oft ihre Post annehmen, und dazu gab es ihr neues selbstproduziertes Olivenöl. Köstlich! Tief und voll im Geschmack, mit einer raffinierten zitrusartigen Unternote. Es erinnert mich an ihr Parfüm, das ich immer trug. Als ich mich vor ein paar Tagen im Dunkeln auf mein Rad nach Hause schwingen wollte, kam sie gerade um die Ecke und wir plauderten mehr als den üblichen Tagesgruß, über das Öl, ihre 100 hundertjährigen Olivenbäume. Ein zartes Band knüpfte sich zwischen der Älteren und der Jüngeren. Das sie mich einlädt oder ich sie zu uns bitte, das wäre viel zu viel. Einem scheuen Reh schmeißt man auch nicht das Heu vor die Beine. Beglückt fuhr ich mit dem Fahrrad entlang der Alster, stolz auf dieses außergewöhnliche Frau, meine Nachbarin.
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